Die frühe Zweisprachigkeit im Kindergarten der Gemeinde Melsdorf
Im Oktober 2004 haben wir die erste englische Muttersprachlerin bei uns im Kindergarten eingestellt und auf Wunsch der Elternschaft zeitgleich die Öffnung des damals noch zweigruppigen Hauses eingeführt. So hatten alle Kinder die Möglichkeit in Kontakt mit der englischsprachigen Kraft zu kommen.
Im Februar 2005 wurde eine dritte Gruppe eröffnet und eine zweite Muttersprachlerin konnte als Gruppenleitung eingestellt werden.
Im September des selben Jahres kam eine Sprachassistentin hinzu. Somit waren alle drei Gruppen mit einer englisch sprachigen Kraft besetzt. Leider verließ die Sprachassistentin nach acht Monaten den Kindergarten wieder. Da aber durch eine Umstrukturierung im Haus eine andere Stelle frei wurde, konnte für diese Gruppe eine englisch sprechende Mitarbeiterin fest eingestellt werden. Somit arbeitet seit Februar 2005 in allen drei Gruppen eine englisch sprechende Kraft.
In den ersten Tagen kamen die Kinder immer wieder in den Raum, in welchem sich die englisch sprechende Kollegin gerade befand und riefen "good morning", kicherten und liefen wieder weg. Die Eltern waren alle sehr interessiert und nutzten oft die Gelegenheit, bei einem kleinen Gespräch mit dieser Kollegin, ihre "versunkenen" Englischkentnisse wieder aufzufrischen.
Nach einer Woche beruhigte sich die Situation: Einige Kinder suchten die Nähe zur englisch sprachigen Kollegin, andere Kinder waren schlichtweg "nicht interessiert". Wir fanden es jedoch erstaunlich, wie schnell etwas Neues, Aufregendes zum Alltag gehören kann. Innerhalb kürzester Zeit verstanden die Kinder sich wiederholende Aussagen wie beispielsweise "it's tidy up time", "newsround", "good mornin ", oder "how are you".
Nach ungefähr sechs Monaten änderte sich etwas: Auf einmal fingen die Kinder an, für andere, häufig neue, Kinder zu übersetzen und zeigten dabei einen erstaunlichen Wortschatz. Ältere Kinder begannen Redewendungen - wie beispielsweise " du, ist jetzt tidy up time?" gegenüber den englisch sprachigen Kolleginnen zu benutzen.
Heute....nach nunmehr dreieinhalb Jahren ist die frühe Zweisprachigkeit bei uns im Kindergarten Melsdorf etwas ganz Alltägliches. Für die Kinder, für die Eltern und für das Team ist das Leben in zwei Sprachen selbstverständlich geworden. Selbst die Eingewöhnung von neuen Kindern wird inzwischen sowohl von deutschsprachigen als auch von englischsprachigen Pädagoginnen durchgeführt. Dabei gibt es nur eine Ausnahme: Kinder, für die Deutsch die zweite Spache ist, werden von einer deutschsprachigen Pädagogin eingewöhnt, um sie nicht zu überforden. Insgesamt sind die Erfahrungen mit Kindern aus nicht deutschsprachigen Familien sehr positv, soweit es bei den wenigen Migrantenkinden im Kindergarten Melsdorf (5%) gesagt werden kann. Ihre Sprachentwicklung verläuft in der Muttersprache und im Deutschen normal. Häufig empfinden es die Kinder als Entlastung, dass es im Kindergarten eine Sprache gibt, bei der alle keine Muttersprachler sind. Wie auch bei den deutschen Kindern hängt der Kontakt, den die Kinder zur englisch sprachigen Person aufnehmen, vor allem von Sympathie und Antipathie ab.
Seit dem Frühjahr 2007 werden die Kinder in den (ab April regelmäßig stattfindenden) Schulspielstunden zur Vorbereitung auf die Schule, in der eine deutsch- und eine englischsprachige Pädagogin zusammenarbeiten, neben vielen anderen Angeboten, zum Sprechen der englischen Sprache motiviert - selbstverständlich auch hier auf freiwilliger Basis. Einigen Kindern fällt das Sprechen der englischen Sprache sehr leicht, andere äußern sich nur sehr wenig. Am Schluss des Schulprojekts erzählten die Kinder, dass es ihnen Freude gemacht hatte, die englische Sprache zu sprechen, auch wenn es am Anfang ungewohnt war.
Auch die Eltern des Melsdorfer Kindergartens haben das Leben mit zwei Sprachen gut angenommen: Ganz selbstverständlich kommen sie morgens in die Gruppenräume und grüßen, je nachdem auf wen sie treffen, auf Deutsch oder auf Englisch. Eltern, die keine oder wenig Englischkenntnisse haben, wenden sich im Zweifelsfall an eine deutsch sprachigen Pädagogin oder gehen mit der englisch sprachigen Pädagogin in das Büro, da dort unter Ausschluss der Kinder Deutsch gesprochen werden kann. Insgesamt ist die Rückmeldung der Elternschaft über diese dreieinhalb Jahre der frühen Zweisprachigkeit in unserem Hause sehr positiv.
Für das gesamte Team kann ich rückblickend sagen, dass die frühe Zweisprachgkeit eine überzeugende Ergänzung unseres pädagogischen Konzeptes ist und für alle Beteiligten eine Bereicherung darstellt.
Anke Schilk
Wenn Sie Details zu der pädagogischen Durchführung wissen möchten, lesen Sie bitte unser Konzept
Die frühe Zweisprachigkeit im Kindergarten Melsdorf aus der Sicht der wissenschaftlichen Begleitung:
Als ich im Februar 2005 zum ersten Mal den Kindergarten Melsdorf besuchte, war ich erstaunt, wie problemlos die englische Sprache schon im Alltag integriert war, obwohl die Kinder erst so kurze Zeit Kontakt zu dieser Fremdsprache hatten. Heute wäre der Alltag im Kindergarten Melsdorf ohne die zwei Sprachen Deutsch und Englisch nicht mehr vorstellbar. Als wissenschaftliche Begleitung interessiert mich vor allem, wie sich die englische Sprache während der Kindergartenzeit entwickelt. Dabei durften wir feststellen, dass die Kinder schon nach sechs Wochen den Routinen des Kindergartenalltags auf Englisch folgen können, auch wenn sie nicht jedes Wort verstehen. Der Schlüssel dafür liegt in der Art und Weise, wie den Kindern die englische Sprache vermittelt wird: Englisch ist die Alltagssprache und die Erzieherinnen in Melsdorf arbeiten konsequent nach dem Prinzip "Eine Person - eine Sprache". Auf diese Weise erhalten die Kinder authentischen Input und erfahren viel über die Kultur des jeweiligen englischsprachigen Landes, aus denen die Pädagoginnen stammen (z.B. England oder Trinidad). Des Weiteren binden die Pädagoginnen die englische Sprache stark in Handlungen ein und begleiten das Gesagte durch Mimik und Gestik. Damit ist es für die Kinder leicht, sich die Bedeutung des Gesagten zu erschließen. Für die Kinder ist dies keine neue Aufgabe, denn auch ihr muttersprachlicher Erwerb ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen.
Am Ende des ersten Jahres reagieren die Kinder angemessen auf den englischen Input (z.B. auf Fragen oder Aufforderungen), so dass die englischsprachigen Pädagoginnen das Gesagte immer weniger durch Handlungen begleiten müssen. Wenn die Kinder Englisch sprechen, sind es meisten Phrasen (good morning, bye-bye, it's tidy up time, let's go outside). Insgesamt überwiegt aber während der ganzen Kindergartenzeit das Hörverständnis und nicht die Produktion: Auf der einen Seite wissen die Kinder, dass alle um sie herum Deutsch verstehen. Auf der anderen Seite ist dies ein normaler Teil des Spracherwerbsprozesses (sei es für die Muttersprache oder für die Fremdsprache), bei der dem Sprechen eine lange Periode des Schweigens vorangeht, in der aber deutlich ist, dass die Kinder das Gesagte verstehen.
Von besonderem Interesse ist es für mich als Sprachwissenschaftlerin, die Entwicklung des englischen Hörverständnisses zu untersuchen, denn solche Langzeitstudien gibt es zur Zeit für bilinguale Kindergärten nicht: Da es im Alltag schwierig ist, herauszufinden, was die Kinder wirklich verstehen, haben wir uns entschlossen, mit den Kindern Computerspiele zu spielen. Diese sind computergestützte Bildzeigetests, die zweimal pro Jahr stattfinden, und die das kindliche Wissen über die englische Grammatik und den englische Wortschatz abtesten. Den Kindern machen die Computerspiele sehr viel Freude und sie sind mit Begeisterung dabei. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht können wir nun dokumentieren, dass ein langer und intensiver Kontakt zur Fremdsprache Englisch einen enorm positiven Einfluss auf das Hörverständnis des englischen Wortschatzes und der englischen Grammatik haben, und dass beide sich stark beeinflussen, frei nach dem Motto: Je größer das Vokabular, desto mehr grammatische Strukturen werden verstanden. Dabei haben wir Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen erfreulicherweise nicht feststellen können.
Insgesamt freue ich mich sehr, mit den Kindergartenkindern aus Melsdorf ihren Alltag teilen zu dürfen und freue mich über die positiven Effekte der frühen Zweisprachigkeit, die sich nicht nur im fremdsprachlichen Bereich zeigen, sondern die auch, wie sich in Melsdorf deutlich zeigt, die kindlichen sozialen und kommunikativen Kompetenzen stärken. Beim Team des Kindergartens und bei den Eltern möchte ich mich für die großartige Unterstützung herzlich bedanken.
Dr. Anja Steinlen
Der Kindergarten aus Sicht des Trägers
Ein Kindergarten wird inzwischen sehr viel mehr als früher auch als Ort des Lernens erkannt und gesehen - nicht zuletzt auch auf dem Hintergrund der Erkenntnis, dass in anderen Ländern die Kindergartenzeit stärker für die Vermittlung von (Er)kenntnissen genutzt wird als bei uns. Dabei ist es natürlich wichtig, dass die Angebote dem Alter und dem Entwicklungsstand der Kinder bzw. des einzelnen Kindes angemessen sind. Kinder sind von Natur aus neugierig und wollen auf ihre altersgemäße Weise ihre Umwelt erfahren. Die Sprache ist dabei eine sehr wichtiger, wenn nicht die wichtigste Komponente.
Mit zwei Sprachen aufzuwachsen ist für Kinder kein Problem, ja weltweit ist es für viele Kinder der Regelfall, denn es gibt viele Gegenden, in denen zwei Sprachen als Umgangssprache gesprochen werden.
Es ist sicher eine eher seltene Konstellation, dass jemand, der im Rahmen des Studiums und der Promotion sich mit dem natürlichen Zweitsprachenerwerb befasst hat, als ehrenamtlicher Bürgermeister und Kommunalpolitiker die Möglichkeit hat, gestalterischen Einfluß zu nehmen und zur Verwirklichung eines zweisprachigen Kindergartens beizutragen. Diese Umstände trafen in Melsdorf zusammen und so haben wir - insbesondere dank des großartigen Engagements der Leiterin des Kindergartens, Anke Schilk, und aller Mitarbeiterinnen - seit 2004 einen sehr erfolgreichen bilingualen Kindergarten. Dabei muss man jedoch vor Augen haben, dass das zweisprachige Konzept zwar wichtig und interessant ist, aber sicher nicht im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit steht. Für die Kinder ist es inzwischen völlig normal, dass einige Mitarbeiter nur Englisch sprechen.
Aus neueren Untersuchungen wissen wir inzwischen, dass Kinder, die in einer zweisprachigen Umgebung in Kindergarten und Schule aufwachsen, auch in ihrer Muttersprache bessere Fertigkeiten aufweisen als einsprachige Kinder - wenn sie im Sinne von Immersion in die andere Sprache wirklich „eintauchen" können, nicht, wenn sie nur ein oder zwei Stunden Englisch in der Woche haben.
Insofern wünsche ich den Kindern, die diesen Kindergarten besuchen, eine schöne Zeit, an die sie sich später gern zurück erinnern und allen Eltern - und daran habe ich keinen Zweifel - dass sie sich und ihre Kinder dort gut aufgehoben fühlen.
Dr. Detlef Ufert, Bürgermeister